Pilot in Jahrgang 8
Warum eine SelbstLernZeit – und warum jetzt?
Schule steht heute vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits wachsen die Erwartungen an Kompetenzen, die junge Menschen brauchen – Selbstständigkeit, Medienmündigkeit, Problemlösen, Reflexionsfähigkeit. Andererseits sind die Rahmenbedingungen vielerorts belastet, insbesondere durch personelle Engpässe und damit verbundene Ausfälle. Wenn Lernzeit in solchen Situationen hauptsächlich in den Nachmittag verlagert wird, entstehen schnell Ungleichheiten: Einige Schüler*innen können Lücken zu Hause mit Unterstützung ausgleichen, andere verlieren Anschluss – häufig nicht aus fehlendem Potenzial, sondern weil Struktur, Lernstrategien oder ein ruhiger Lernort fehlen.
Die SelbstLernZeit im Jahrgang 8 ist die bewusste Antwort des PFFG auf diese Realität: Wir verlagern zentrale Lernzeit zurück in die Schule, machen sie verbindlich, geben ihr eine klare Struktur und verbinden sie mit gezielter Förderung und Transparenz. Organisatorisch ist das Format eindeutig geregelt: drei parallele SelbstLernZeitblöcke pro Woche, klare Arbeitsregeln, Lernbegleitung durch eine Lehrkraft, digitale Bereitstellung über Moodle sowie Dokumentation über Logbuch und Selbstlernhefter.
Wichtig ist dabei: Wir starten bewusst als Testlauf im Jahrgang 8, um Routinen, Materialqualität, Rückmeldeformate und Abläufe systematisch zu erproben, zu evaluieren und anschließend weiterzuentwickeln.
Was SelbstLernZeit am PFFG ist – und was sie ausdrücklich nicht ist
SelbstLernZeit ist keine „Auffangstunde“ und keine Stillarbeitszeit, in der Schüler*innen lediglich beschäftigt werden. Sie ist als angeleitete, strukturierte Selbstständigkeit konzipiert: Lernende arbeiten an fachlich entwickelten Lernarrangements, verfolgen individuelle Ziele und dokumentieren ihren Lernprozess. Gleichzeitig sorgt das Setting dafür, dass Arbeitsatmosphäre, Materialzugang, Verbindlichkeit und Zeitstruktur gewährleistet sind.
Damit ist SelbstLernZeit ein Format, das Unterricht nicht ersetzt, sondern ihn ergänzt: Sie stärkt Lernwege, die im normalen Fachunterricht oft zu kurz kommen (Planen, Üben, Wiederholen, Überarbeiten, Reflektieren) – und macht genau diese Lernarbeit sichtbar und verlässlich.
Ampelsystem: Differenzierung, die Orientierung gibt – ohne zu stigmatisieren
Ein Kern der Innovation ist die Differenzierung nach dem Ampelprinzip: Lernarrangements werden in drei Niveaustufen (rot/gelb/grün) bereitgestellt. Die Zuordnung orientiert sich am Förderbedarf (u. a. anhand der Halbjahresleistungen). Rot steht für verbindlichen Förderbedarf, gelb für empfohlenes Stabilisieren, grün für Vertiefung und interessengeleitete Erweiterung.
Das Ampelsystem verbindet zwei Ziele, die in der Praxis häufig gegeneinander ausgespielt werden: Verbindlichkeit (damit Förderung wirklich stattfindet) und Motivation/Autonomie (damit Lernen als sinnvoll und eigenständig erlebt wird). Diese Balance entspricht dem Grundgedanken adaptiver Förderung: Aufgaben sollen so passen, dass sie Lernfortschritt wahrscheinlich machen (vgl. Helmke, 2015).
Logbuch & Reflexion: Selbstständigkeit wird aufgebaut – nicht vorausgesetzt
SelbstLernZeit setzt nicht voraus, dass alle Lernenden bereits perfekt selbstorganisiert sind. Stattdessen wird Selbstorganisation durch feste Routinen gelernt: Logbuchführung, Planung über einen Zeitraum, Materialorganisation im Selbstlernhefter, Reflexionsfragen am Ende.
Diese Logik deckt sich mit dem Konzept des selbstregulierten Lernens (Zimmerman, 2002): Lernende planen Ziele, steuern ihre Bearbeitung und reflektieren anschließend, was funktioniert hat und was als nächster Schritt sinnvoll ist. SelbstLernZeit macht diesen Prozess nicht „optional“, sondern strukturell wahrscheinlicher – weil er fest eingeübt und dokumentiert wird.
Produkt- und Feedbackorientierung: Lernen soll wirksam – nicht folgenlos sein
In festgelegten Zeiträumen (z. B. alle drei Wochen) können Produkte abgegeben oder Lernstände erhoben werden – inklusive der Möglichkeit, eine Note zur Verbesserung zu erhalten.
Das ist pädagogisch zentral, weil es Lernarbeit ernst nimmt: Üben, Überarbeiten und Dranbleiben werden sichtbar – und führen zu konkreten Ergebnissen. Solche Rückmeldestrukturen gelten in der Forschung als besonders lernförderlich, wenn sie Orientierung geben (wo stehe ich, was ist der nächste Schritt?) und Lernen tatsächlich steuern (Black & Wiliam, 1998; Hattie & Timperley, 2007).
Kinder lernen besser, wenn Ziele klar sind und Rückmeldung ihnen hilft, den nächsten Schritt zu gehen – statt nur am Ende „richtig/falsch“ zu bekommen.
Skandinavische Referenzlinien: Was Eltern oft bewundern – und was wir belegt aufgreifen
In Gesprächen mit Eltern wird häufig auf skandinavische Bildungssysteme verwiesen – besonders auf Finnland – mit der Erwartung, Schule müsse „mehr Selbstständigkeit“ und „mehr Lernen fürs Leben“ ermöglichen. Genau hier ist es hilfreich, nicht mit Anekdoten zu argumentieren, sondern mit konkreten, offiziell belegten Strukturmerkmalen:
1) Verbindliche fächerübergreifende Lernmodule (Finnland).
Die Finnish National Agency for Education hält im nationalen Kerncurriculum fest, dass jede Schule pro Schuljahr mindestens ein klar definiertes, fächerverbindendes Thema/Projekt umsetzen muss, sogenannte multidisciplinary learning modules. Bemerkenswert ist dabei auch: Schüler*innen sollen an der Planung beteiligt werden, und Lernen wird über die Ziele der beteiligten Fächer bewertet. (Opetushallitus)
Das ist ein sehr konkretes Beispiel dafür, wie „Selbstständigkeit“ in Finnland nicht als bloße Freiheit verstanden wird, sondern als strukturierte Beteiligung, Zielklarheit und Ergebnisorientierung.
2) Assessment, das Lernen begleitet (Finnland).
Auf derselben offiziellen Seite wird betont, dass Beurteilung/Assessment vielfältig sein und Lernen fördern soll – und dass Lernfortschritt regelmäßig rückgemeldet wird. (Opetushallitus)
Genau das entspricht dem Grundgedanken unserer SelbstLernZeit: Lernzeit wird in der Schule strukturiert, Lernprozesse werden dokumentiert, und Ergebnisse werden regelmäßig sichtbar gemacht.
3) OECD: „Student Agency“ als Zukunftskompetenz.
Die OECD Learning Compass 2030 beschreibt „student agency“ (Schülerinnen übernehmen Verantwortung und gestalten Lernprozesse aktiv mit) als Kernidee zukunftsorientierter Bildung. (OECD)
Unsere SelbstLernZeit ist genau in diesem Sinne zu verstehen: Sie ist nicht „mehr Arbeit“, sondern ein Lernformat, das Schülerinnen schrittweise befähigt, Lernprozesse zu planen, durchzuführen und zu reflektieren – mit klaren Leitplanken und Unterstützung.
Wichtig: Wir behaupten nicht, das finnische System „zu kopieren“. Wir nutzen vielmehr wissenschaftlich und curricular belegte Prinzipien, die skandinavischen Ansätzen zugeschrieben werden (Selbststeuerung, Beteiligung, Feedbackkultur), und setzen sie realistisch und verlässlich unter unseren Bedingungen gang 8.
Anschlussfähigkeit an Lehrpläne und digitale Kompetenzrahmen
SelbstLernZeit ist kein Zusatzprogramm neben den Lehrplänen, sondern unterstützt zentrale Kompetenzanforderungen: Dokumentation, Reflexion, Medienkompetenz, produktorientiertes Arbeiten und Präsentation. Das passt sowohl zu fachlichen Lehrplänentations- und Präsentationsformen) als auch zum Rahmenplan „Lernen in der digitalen Welt“ (Recherchieren, Produzieren, Präsentieren, Reflektieren).
Fazit: Warum SelbstLernZeit als innovativ gilt – gerade im Testlauf
Die SelbstLernZeit am PFFG ist innovativ, weil sie Lernqualität nicht dem Zufall überlässt: Sie verbinnzeit**, Differenzierung, Dokumentation, Reflexion, Produktorientierung und digitale Struktur ischen Rahmen.
Als Pilot im Jahrgang 8 erlaubt sie außerdem, das Konzept evidenzorientiert zu schärfen, bevor es – sofern gewollt – weiter ausgerollt wird.
Literaturverzeichnis
- Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.
- Black, P., & Wiliam, D. (1998). Asseearning. Assessment in Education: Principles, Policy & Practice, 5(1), 7–74.
- Hattie, J., & Timperley, H. (2007). The power of feedback. Reviarch, 77(1), 81–112.
- Helmke, A. (2015). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität (6. Aufl.). Klett-Kallmeyer.
- OECD. (n.d.). The OECD Learning Compass 2030. (OECD)
- OECD. (n.d.). Future of Education and Skills 2030/2040 project. (OECD)
- Finnish National Agency for Education (EDUFI/OPH). (n.d.). National core curriculum for primary and lower secondary (basic) education (multidisciplinary learning modules; assessment guiding learning). (Opetushallitus)
- Zimmerman, B. J. (2002). Becoming a self-regulated learner: An overview. Theory Into Practice, 41(2), 64–70.
- Land Sachsen-Anhalt. (2023). Rahmenplan Lernen in der digitalen Welt Gymnasium Schuljahrgänge 7/8 (01.08.2023).
- Land Sachsen-Anhalt. (2022). Fachlehrplan Kunst Gymnasium Schuljahrgänge 7/8 (01.08.2022).
- Prof.-Friedrich-Förster-Gymnasium Haldensleben. (2026). Struktur der Selbstlernzeit – Lernarrangements und Organisation (Moodle/Logbuch/Zeitschiene).